Hommage an einen Weltstaatsmann

Nach dem Abmischen der A- und B-Komponente wird die Kautschukmasse in dünnem Strahl in den Formkasten eingegossen, bis der Kopf komplett bedeckt ist.

Um mit den Arbeiten an der Büste überhaupt erst beginnen zu können, sicherte sich Tom Rucker die Einwilligung der Nelson-Mandela-Foundation. Gefördert wurde das Projekt außerdem von der Bayerischen Staatskanzlei im Rahmen der bilateralen Beziehungen des Freistaats zur Provinz Western Cape. Das Platin stellte der südafrikanische Mienenbetreiber Anglo Platinum zur Verfügung. Für die Versicherung des teuren Materials kam die Mannheimer Versicherung auf. Die Porzellanbüste fertigte die Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen an. Das Platinschweißgerät stellte die in Puchheim bei München ansässige Firma Alpha Laser zur Verfügung und die Wacker Chemie AG lieferte das Silicon, mit dem die Büste abgeformt wurde.

Auch im südafrikanischen Generalkonsulat in München stellte Rucker sein Projekt vor. Im Januar 2010 flog er schließlich nach Pretoria, mit nicht mehr als einer Telefonnummer im Notizbuch – und saß drei Tage später im Wohnzimmer des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma. „Hallo, mein Name ist Jacob, willkommen in Südafrika“ – so habe Zuma ihn begrüßt, erinnert sich Rucker und blickt auf das Foto, das von diesem Treffen gemacht wurde.

Vision einer Ikone

Kurz darauf lud ihn die Familie Mandela in den Geburtsort und das Privathaus der Bürgerrechts-Ikone nach Mvezo, Ostkap ein. Stundenlang saß er mit dem Enkel, Chief Mandla Mandela, zusammen und sprach mit ihm über den zukünftigen Aufstellungsort der Büste.

Insgesamt 14 Monate arbeitete Rucker danach an der lebensgroßen Büste. Von der Idee, aktuelle 3D-Scans des mittlerweile 92 Jahre alten Freiheitskämpfers zu verwenden – das eigentliche Ziel seiner Südafrika-Reise –, kam Rucker allerdings bald wieder ab. Er wollte eine Büste fertigen, die Mandela auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn in den frühen neunziger Jahren wiedergibt. Ein Foto, das Mandela kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten 1994 beim Besuch in seiner alten Gefängniszelle auf Robben Island zeigt, bildete die Vorlage für unendlich viele Skizzen und Zeichnungen. In dieser nur vier Quadratmeter großen Zelle auf der kleinen Atlantikinsel, zwölf Kilometer vor Kapstadt, hatte Nelson Mandela den größten Teil seiner 27 Haftjahre als politischer Gefangener verbracht. Für Tom Rucker bündelte sich in Mandelas nachdenklichem Blick aus dem Zellenfenster all das, was die Größe des südafrikanischen Staatsmanns ausmachte und was er gedachte, in seiner Büste wiederzugeben: Mandelas Vision von einer Versöhnung zwischen den Volksgruppen, die durch seine persönliche Lebens- und Leidensgeschichte Glaubwürdigkeit gewann.

Dreidimensionale Datei

Mit einer speziellen 3D-Software generierte Rucker auf der Basis seiner Skizzen und Zeichnungen eine Datei mit dreidimensionalen Daten von Mandelas Kopf. Diese Datei wurde von der City University in Birmingham im Rapid-Prototyping-Verfahren über mehrere Tage hinweg als exaktes, dreidimensionales Abbild „ausgedruckt“. Bei diesem Verfahren wird ein Wachs-Stärke-Gemisch in unzähligen Lagen von einer Art Strahldrucker aufgeschichtet, bis ein dreidimensionales Abbild Nelson Mandelas in Originalgröße entsteht.

Der folgende Arbeitsschritt war mit Abstand der zeitaufwendigste des gesamten Projekts. Aus 0,2 Millimeter dünnem Platindraht schweißte Rucker die exakten Konturen von Man-delas Gesicht, das auf der Urform der Büste aus Wachs und Stärke basierte. Etwa 1,9 Millionen mikroskopisch kleiner Laser-Schweißverbindungen waren dafür nötig. Sechs Stunden pro Tag saß Rucker im Keller seiner Werkstatt an seinem Laserschweißgerät Alpha ALM 200. Insgesamt acht Monate verbrachte der Künstler während des Schweißprozesses in völliger Dunkelheit.